Statt im Paradies bin ich anscheinend in meiner kleinen persönlichen Hölle gelandet. Ich bin heute schon den ganzen Tag am heulen und spüre wie meine Schattenwelt hervorbricht. Ich bin in Gokarna gelandet wo wir auf A.+N. gestossen sind. Hier ist alles etwas primitiver als in Goa und das Zimmer das man für mich reserviert hat ist ein kleiner grauenhafter Bunker. Ein Zimmer ohne Licht, eine dünne Matratze voller Flecken am Boden, riesige Kakerlaken und zwischen 2 Küchen gelegen. Gerade ich die ich die Gemeinschaft suchte, deswegen hierher gereist bin und so dringend brauche wurde hier weg von den anderen, die nette Zimmer hatten mit Blick auf Palmen, abgeschoben. Als Single ist es schon schwer genug aber dies war für mich der absolute Hammerschlag der mich traf. Das einzige was ich brauche war eine Hütte am Strand und wenn dies nicht geht zumindest mit Blick auf etwas Nettes und zusammen sein mit Freunden. Statt der Befriedigung meiner Sehnsucht hier mit Freunden eine Gemeinschaft erleben zu können, hatten die 2 Pärchen ihre Gemeinschaft und ich fühlte mich nur noch ausgegrenzt. Gerade als Paar hat man sich ja und ich alleine dachte tatsächlich man würde dahingehend auf mich achten, weit gefehlt als Single scheint mann eben überall ausgegrenzt zu werden in dieser Welt. Handicap Single!
In mir kamen alle schmerzvollen Erfahrungen hoch die ich die letzte Zeit in Wien versucht habe zu verdrängen. Statt Blick auf das Meer zu haben starrte ich auf dreckige Wände und Müll, und mein Blick richtete sich auch auf meinen innerern Müll. Während die anderen schon seit Wochen oder Monaten unterwegs waren hatte ich nur knappe 3 Wochen Zeit zum Reisen und ausgerechnet mir wurde das schlimmste Zimmer gegeben, ich die ich so unendlich brauchte auch mal nicht alleine zu sein musste weg von den anderen indiesem Bunker schlafen. Ich wurde dadurch zum Problem weil die anderen dies einfach nicht verstehen konnte. Es ist auch nicht verständlich für Menschen die glücklich sind, dass ich es brauchen würde zu wissen nebenan ist jemand der auch mich mag, wenn ich aufwache kann ich mir jemanden reden und höre ein freundliches „Good Morning“, wenn ich abends noch meine letzte Zigarette rauche ist vielleicht jemand zu plaudern da, wenn ich ein Buch lese kann ich eine Stelle zitieren und mir hört jemand zu, wenn man über den Strand zurück geht, geht man gemeinsam nach Hause usw. Das ist es wonach ich mich gesehnt hatte, doch hier war ich wiedermal mehr als einsam. Besser konnte man mir das Gefühl nicht vermitteln die zu sein die nicht dazugehört. Natürlich wollte das keiner absichtlich, aber im Endeffekt war es egal und im Gegenteil es war unverständlich wie schrecklich es mir ging. Ich wollte am liebsten Weg und abreisen, denn die Menschen wegen denen ich nach Indien kam und tatsächlich dachte es würde die Zeit wo ich da bin für alle ok sein „Gemeinschaft“ zu leben verstanden nicht genau worum es mir ging. Dabei brauche ich eigentlich nur sehr wenig. „Taking care on each other“!
Die letzten 3 Nächte habe ich in der Hängematte verbracht vor der Tür dort wo die anderen wohnten denn ich hielt es im Bunker nicht mehr aus. Wir spazierten jeden Tag nach Gokarna und waren beim Shivaratri-Festival. Dies ist ein Hindu-Festival bei dem ein riesiger geschmückter Wagen durch die kleine Strasse von Männern gezogen wird und die Menschenmassen rundherum den Wagen mit Bananen bewerfen und versuchen den Rama der im Wagen sitzt zu treffen. Das werfen der Bananen bringt Glück und Fruchtbarkeit und überhaupt ist es ein fröhliches buntes Fest – wie die rituellen Feste hier eben gefeiert werden! Wegen Shivaratri waren wir hergekommen, denn vielleicht erlebt man dies nur einmal in seinem Leben so ein grosses Hindufest zu sehen und dabei zu sein.
Mein Auftrag war ausserdem der Besuch des Kali-Tempels. Dunkel war es als wir dort ankamen und es war heiss und wir waren verschwitzt da wir schon den ganzen Tag in der Stadt unterwegs waren. In Gokarna ist BhatraKali bekannt. Man sagt sie gab es als Urgöttin schon vor Shiva und vor dem Hinduismus. Man sagt als der Hinduismus sich ausbreitete wurde sie „dazugebastelt“ in den Kontext der hinduistischen Mythologie. Die Schule hier ist nach BhatraKali benannt und auch der Tempel.
Ich hatte dort keine Zeit um in Ruhe Kali zu invozieren und zu meditieren. Aber ich entzündete meine Räucherstäbchen und brachte ihr Opfer. Der Kali Brahmane segnete mich und in diesem Moment schossen mir die Tränen ein. Ich spürte plötzlich wahnsinnige innere Wärme die mich erfasste und spürte eine unglaublich sanfte Kalienergie. Mir wurde schwindlig und in einer Millisekunde blitzen Bilder in mir auf. Wo ist Kali die mächtige Göttin hier in Indien wo so vielen Frauen Leid angetan wird, wo Kasten Frauen unterdrücken, wo Männer Freiheiten haben die Frauen nicht haben?
Natürlich wird Shiva und Shakti mehr verehrt, passt es doch besser in ein absolut männlich dominiertes Weltbild. Seltsam wenn ich die Frauen sehe die am Strand Lingam`s formen um um Fruchtbarkeit zu bitten aber in Kleidung schwimmen gehen müssen während Männer händchenhaltend über den Strand flanieren. Wo ist die starke männerbezwingende Kali hier? Auch hier werden solche Göttinnen unterdrückt die das System der Patriarchalen Gesellschaft ins schwanken bringen könnten. Mein kurzer aber inniger Kontakt mit Kali hier war als wär sie tatsächlich ein uralte weise Göttin der man keine Beachtung mehr gibt und die immer leiser wird. Sie hat einen kleinen Teil meines Schmerzes aufgenommen und transformiert und umso mehr fühle ich meine Verbindung zu ihr. Kali Ma grosse Mutter mögen die Frauen in deinem Land wieder an Stärke gewinnen.
12.-15.2. Gokarna (Karnataka)