Rauhnächte 2009

Schön dich gesehen zu haben, sagte er. Eine profane Aussage gegenüber meines vollen Herzens und meiner Traurigkeit die mich seit letzter Nacht übermannt hatte.

Immer wieder werde ich darauf gestoßen, dass vielleicht nur wenige solch tiefe romantische melancholische Emotionen leben- anscheinend zumindest. Und dann ist da noch die Komponente, dass ich Wienerin bin und unser Schmäh und unsere depressiven Anwandlungen vielleicht nicht ganz so leicht zu ertragen sind.

Doch meine Gefühlswelt war in heller Aufruhr, der Serotoninspiegel schien immens zu schwanken und ich fühlte mich voller Liebe und voller Schmerz.

Es war wohl einer der schönsten Morgen gewesen die man nach 3 Stunden Schlaf und einer aufkeimenden Grippe mit Megahalsweh und Gliederschmerzen haben konnte. Aber das hell des Morgens in der Winterpracht, Tiefschnee, glitzernder Reif auf den Bäumen die sich gegen das grau der Nebeldisen streckten.

Da war er nun mein persönlicher Held, mein Forseti, auch wenn er wohl eher glaubte ein Zen-Loki zu sein. Wie auch immer, nach einer rutschigen Fahrt durch den Wald hinunter in die Anderswelt stand ich erneut einsam am Bahnhof so wie bei meiner Ankunft als mich niemand abholte und mich niemand mit Freude erwartete. Der Zug hatte Verspätung und ich sinnierte über die Profanität  eines Satzes nach, der mir wieder zeigte das hier ein Ungleichgewicht herrschte zwischen meiner Gefühlswelt und der der Anderen.

Ich merkte wie viel sie mir bedeuteten diese Menschen und wie sehr ich sie liebte, ja ich war ein willkommener Gast und dennoch – eben ein Gast.

Leute wie Forseti waren Teil von ihnen, wurden angehimmelt… ich konnte es verstehen war er doch einer jener denen ich mein Herz öffnen konnte, an dessen Seite ich mich einfach  wohlfühle  und sein darf.

Vor ein paar Tagen war ich angekommen, es schneite und niemand erwartete mich. Dann holte man mich im wilden Schneegestöber der Rauhnächte. Viele waren da auf die ich mich gefreut hatte und hier durfte ich Großteils sein- ohne Maske des Alltags.

Es ist in diesen wenigen Tagen viel passiert. Wiedermal wusste ich warum ich Wicca geworden bin und nicht bei einer anderen Gemeinschaft gelandet bin wo Ausgrenzung und Ego an der Tagesordnung sind.  Wicca ist Liebe und Gemeinschaft und nicht magisches Egopushing. Wicca ist Verständniß und Individualität. Wicca ist Rituale zu leben anstatt sie zu nachzustellen. Im Kreis zu stehen ist mehr als irgendein magisches Ziel zu erreichen.

Und schon so wie vor vielen Jahren war ich Teil oder doch nur Gast einer deutschen Gemeinschaft geworden.

Zurück geworfen in die Realität stopfte ich mir einen Burger rein, nachdem ich eine Woche so viel Gemüse gegessen hatte wie sonst in einem halben Jahr nicht um mir die Zeit zu vertreiben bis der Zug kam.

Es wurde eine lange Zugfahrt – I took the long way home.

Eindrücke, Gefühle, Bilder der letzten Tage flitzen an mir vorbei wie die Schnee-Welt da draußen, ratternde Zugräder unter mir, Winterlandschaft und Menschen die wild fluchend über die Zugverspätungen in ganz Deutschland im Zug hin und her rannten.

Ich habe Stricken gelernt, eine seltsame Erfahrung konnte ich bis dato solch handwerklichen Frauenbasteleien wenig abgewinnen, wurde ich alt- bin ich alt? Aber ich bin ein Talent jubelten die anderen strickenden Frauen und meine erste Armstulpe entstand. (Die zweite ist schon fast fertig.)

Aber es hatte etwas unsagbar Schönes wenn die Frauen am Kamin saßen und strickten während die Männer für uns sangen, wir uns unterhielten und eng beieinander waren. Das war Romantik und Nähe die mir jetzt noch im Gedanken kalte schauer den Rücken runter jagt.

Ich erinnere mich an Rituale, Sexualkundeunterricht in der Küche, Palatschinken machen, um 3h früh spontan alle verwöhnen indem wir einen Schokokuchen gebacken haben, Hexendisco, das beruhigende Schnarchen der Menschen mit mir im Zimmer – ich war nicht allein.

Einfach tagelang nicht allein zu sein, 24h war jemand da, jemand bei mir, jemand bei dem ich mich anlehnen konnte. Ein Luxus den ich schon seit Jahren nicht mehr kenne – ausser zu solch besonderen Anlässen.

Auch wenn ich in vielen Situationen meine Einsamkeit spürte, an mir zweifelte auch hier nicht zu genügen, fühlte ich mich – zu Hause. Dies ist meine Family!

Vollen Herzens tieftraurig blitzen die Gesichter und das Lachen der Leute in mir auf, es war schön mit euch, es war wundervoll neue Bekanntschaften  gemacht zu haben und zu wissen wie Suppen am Herd des Drachen entstehen, andere Begegnungen zu vertiefen und es war großartig einige ganz ganz besondere Menschen wieder gesehen zu haben.

Es ist unglaublich beruhigend für mich gewesen in der Nacht wenn ich wiedermal unruhig war rüber zu schauen und zu wissen -he da drüben liegen ganz liebe Leute die da bei mir  sind. Es war toll zu wissen, dass durch Blicke oft nichts mehr ausgesprochen werden musste – Kare sorgt halt für einen ;-), ich sah, dass es auch einigen anderen manchmal so ging einsam unter Menschen zu sein (Belgien ist halt auch weit weg), ich spürte, das auch andere darunter leiden allein zu sein und damit fühlte ich mich ein  bisschen weniger wie ein Alien. Ich weinte und ich lachte mit meiner Family.

Dennoch hatte ich das Gefühl nicht erkannt zu werden, das Menschen einfach nicht sehen was ich alles zu geben habe und wieviel in mir steckt. Das liegt natürlich an mir Alien, vielleicht hat mein Schmerz und meine Traurigkeit einen Schild um mich aufgebaut der andere schwer ran lässt. Um so mehr ist es wunderbar das hier einige Leute waren die ohne Probleme durch meinen Schild durchgekommen sind.

2009 war ein sehr schlimmes Jahr für mich. Ich zwei meiner engsten und liebsten Freunde verloren, mein Kreis ist zerbrochen, ich wurde aus meinem Job entlassen weil ich Hexe bin und ich war immer noch Single und der Männerwelt offensichtlich nicht würdig.

Die WitchWars in Österreich gingen weiter, für meine Projekte fanden sich keine ehrenamtliche Mitarbeiter und ich spürte meine Einsamkeit so stark wie selten die Jahre davor,  denn ich hatte niemand mehr dem ich mich mitteilen konnte.

In diesem Sinne- Seid gesegnet und auf ein besseres 2010, schön das ich das Haus in den Höhen des Hag mit euch besiedelt habe für diese Jahreswende.

Und eine große Veränderung gibt es ja schon 2010 – ich habe stricken gelernt!

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