Abenteuer auf der Noah

tauschnecke

Wir starteten in Delfzijl. Nach einer Nachfahrt mit dem Auto wo wir durchgemacht hatten mussten wir hier in Holland schnell einkaufen und schnell aufs Boot um abzulegen.

Keine Einführung für uns „Neulinge“ und Rauchverbot an Board.

Durch die erste Schleuse, Stefan der selbst Skipper ist erklärt uns einige Handgriffe damit wir nicht vollkommen falsche Dinge machen – unser Skipper lässt uns im Regen stehen und so sollte es auch bleiben. Den Göttern sei Dank hatten wir Stefan mit der in stressigen Anlege- und Ablegemanövern die Ruhe bewahrte und uns statt Vorwürfe zu machen – erklärte wie das beim Segeln so alles funktioniert.

Die ersten Stunden auf See – der Nordsee. Sobald man den unendlichen Horizont des Meeres sieht spürt man wie der Alltag hinter sich an Land bleibt. Hier draußen am Meer gilt nichts mehr was sonst Gültigkeit hat. Der Wind im Gesicht, Salz auf der Haut von der Gischt, die Wellen unter sich und wir in einer „Nußschale“ so unbedeutend klein in den unendlichen Weiten des Meeres.

Schnell wurde klar, dass zwar der Skipper das Sagen hat, aber wir uns an Stefan halten um mit dem Boot zurecht zu kommen da der eigentliche Skipper nur rüde Anweisungen gab und uns mit Missachtung strafte. Die ersten Knoten wurden so gut es ging gelernt, die ersten Tauschnecken gelegt, Spring und Fender, Bug und Heck, Steuerbord und Backboard und vieles mehr.

Die erste Nacht in Borkum und nach wenig Schlaf ging es übermüdet weiter nach Helgoland wo wir hinsegelten um zu tanken. (Helgoland ist Steuerfreizone und der Diesel dort billig.)

Das Meer wurde ruppiger und die Wellen höher, wir mussten Life Belts anlegen und hielten die Schwimmwesten bereit. Und so donnerten wir von einer Welle in die nächste. Und irgendwann wurde David schlecht und kurz darauf mir.

Ich wurde Seekrank wahrscheinlich weil ich zu lange unter Deck war wo ich für alle Mittagessen machen wollte.the sea

Zuerst musste ich mich immer wieder übergeben, doch das brachte nur wenig Erleichterung denn der  Zustand verschlimmerte sich.

Meine Glieder wurden steif und ich klammerte mich an das Boot, konnte mich nicht mehr bewegen, registrierte wie meine Beine zu zittern begannen, die Wellen spritzen mich nass und ich spürte die eisige Klaue der Meeresgöttin Ran die mich in ihr dunkles Reich zog. Mein Geist vernebelte sich, ich war paralysiert und irgendwo gefangen in einer Zwischenwelt. Ich bekam immer wieder Panikattacken und die Urängste stiegen aus der Tiefe des Meeres in mir hoch. Ich betete zu Njörd und versuchte Ran zu besänftigen und rief alle Götter die  mir nahe stehen an- doch ich spürte, dass ich hier meinen Ängsten begegnen sollte, das ich hier an meine Grenzen kommen musste.sundown

Irgendwie kroch ich ganz nach hinten ans Heck wo es ein wenig windstiller war, doch dann konnte ich mich wieder nicht bewegen. Ich wurde wie magnetisch nach unten festgehalten. Ich zog mir einen Kübel heran, da kotze ich rein und verrichtete meine „Notdurft“. Es war ekelhaft aber ich konnte mich kaum bewegen. Ich sah Land irgendwo in der Ferne doch wir konnten nicht anlegen da wir dort auf dem Watt auflaufen würden.

Dunkle Wellen umnebelten meinen Geist und ich bekam oft nicht mit was um mich herum passierte. Mir war schlecht, ich hatte Angst, mein Körper zitterte, meine Hand machte sich manchmal selbständig und begann wilde Bewegungen und Zuckungen zu machen. Manchmal war ich so weit weg, dass ich mich selbst an Board kauern sah und nicht verstand was ich da tue. Ich sah Gestalten im Meer und auf Deck und spürte wie unendlich klein ich bin und wie wenig Macht wir Menschen haben.  Ich wimmerte und betete und manchmal schrie ich vor Schmerzen auf – es war besser den Schmerz rauszuschreien in den Wind zu Njörd. Man schleppte eine Matratze zu mir rauf und deckte mich zu obwohl ich klatschnass war, aber ich konnte mich kaum bewegen geschweige denn Gewand wechseln. Dagmar war da und betete zu ihren Göttern für mich und versuchte mir in meinem Schmerz und Wahnsinn zu helfen. Ich war nicht sicher ob ich verrückt geworden war – gefangen in der Welt von Ran. Irgendwann war ich soweit klar im Kopf, dass ich wusste ich  bin eine zusätzliche Belastung für die Crew in einer schon so schwierigen Situation. Man sagte mir es sind noch mindestens 6 Stunden nach Helgoland und ich wusste – das halte ich nicht durch – da werde ich verrückt. Ich nahm 2 Beruhigungstabletten die mich so ausknockten, dass ich runter konnte ins Trockene und wie bewusstlos da lag. Alex steuerte das Schiff nach Helgoland und als ich aufwachte lagen wir schon vor dem „Heiligen Land“ – Abalus – Basileia.helgoland

Helgoland brachte uns endlich seit dem wir in Wien weggefahren sind eine Verschnaufpause und war wunderschön. Diese kleine Insel mit 1300 Einwohnern und ihren Dünen hat uns für die paar Stunden verzaubert.

Ich hatte Angst vor der Weiterfahrt und Stefan beruhigte mich und meinte, dass dies nicht heißt das ich jetzt jedesmal Seekrank werde und das dies auch Erfahrenen Seeleuten immer wieder passieren kann. Doch am nächsten Morgen weckte mich unser Skipper mit den Worten: „Schnall dir den Lifebelt an es wird noch schlimmer als gestern und dir wird’s wieder nicht gut gehen.“

Und dies verstärkte meine Ängste natürlich und mir wurde gleich in der Früh extrem schlecht und ich bekam Panik. Aber der Rest der Crew hat mich beruhigt und mich motiviert und tatsächlich war das Wetter schön und es gingen keine heftigen Wellen draußen und ich wurde nicht erneut Seekrank.

Ein Teil des Motors wurde kaputt, die Flansch war durchgerostet und der Motor wurde heiß. Unser Skipper wollte umkehren und zurück nach Delfzijl. Denn unter anderem trat permanent Wasser in den Motorraum ein und wir mussten händisch Pumpen um nicht abzusaufen. Diverse andere Aggregate, Pumpen usw. funktionierten auch nicht und wir waren jetzt schon in unserer Zeit hinten nach. Doch wir wollten nicht zurück – wir hatten ein Ziel- und für dieses Ziel haben wir die Strapazen auf uns genommen. Es war wichtig für uns es zu schaffen und die Noah zum Shantytreffen zu bringen und Hindernisse und Probleme zu bewältigen.sea

Ergo meuterten wir und schliesslich gab der Skipper nach.

Wir mussten uns täglich motivieren um die schlechte Energie und die Gemeinheiten des Skippers vor allem Dagmar und mir gegenüber auszugleichen. Aber wir waren eine gute motivierte Crew und Aufgeben war für uns nicht drin.

Und so  steuerten wir Cuxhaven an, denn der Wind war uns hold und wir konnten hinsegeln.

Ich stand 6h am Steuer und war die Steuerfrau die diesmal die Noah zum nächsten Ziel bringen durfte.

Mir war noch immer flau im Magen – und das blieb auch so bis zum Schluß der Reise.

Abends kamen wir in Cuxhaven an und waren froh die Noah kurz verlassen zu können, weg von den Spannungen an Board und verbrachten im „Hexenkessel“ einen netten Abend.

Am nächsten Tag waren wir es die sich um den Motor kümmerten. Alex und Stefan waren die Flansch besorgen und wir machten Klar Schiff. Zwischendurch wurde mir beim Einkaufen ein Fahrrad gestohlen – aber das ist eine andere Geschichte.noah2

Wir schafften es auf jeden Fall rechtzeitig alles zu erledigen und der Motor ging wieder und wir legten ab zum Kanal – Brunsbüttel war das Zwischenziel um noch durch die Schleuse zu kommen bevor der Kanal in der Nacht nicht mehr befahren werden durfte.

Das Leben auf See ist so unglaublich unvergleichbar mit allem anderen was ich kenne. Hier gibt es eigene Gesetze, eine eigene Etikette und man fühlt sich selbst ganz anders. Hier war eine andere Tanja zu spüren, eine andere Seite. Ich liebe das Meer und die Noah ist ein Schiff mit viel Spirit und die Emotionen kommen hoch wie die Wellen, mal hoch mal nieder.

Ich war froh nur einen Jungen mit an Board zu haben – David der wirklich großartig ist und mit dem wir viel Spaß hatten und der extrem selbständig ist und in heiklen Situationen immer toll mitgeholfen hat. Die Spannungen wurden an Board unerträglich und Dagmar und ich gaben auf den Skipper integrieren zu wollen, wir mussten uns selbst schützen. Wir wurden von ihm ignoriert, Fragen wurden als Kindergartenfragen tituliert, jeder Handgriff war falsch, er sah in allem nur Negatives, alles war ein Problem, er teilte uns nicht mit was er vor hat wie er anlegen will usw., wir wurden zum Teil weggestoßen wenn ihm was nicht passte und es war für unsere Männer an Board spürbar, dass unser Skipper wohl ein Frauenproblem hat. Die Taktik war – es einfach so gut es geht hinzunehmen und unser Ziel zu erreichen und möglichst ihm auszuweichen – was auf einem Boot sehr schwer ist. Aber wir wussten wenn wir hier mit ihm diskutieren würde es eskalieren und wir haben schon genug Probleme.kompass

Wir erreichten Brunsbüttel und machten uns mit dem Skipper aus wer wann am nächten Morgen aufsteht und in welchem Team ist, da die Fahrt am Kanal um 5:30 morgens begann und das nächste Team dann um 10h übernehmen sollte. Alex und David übernahmen die erste Frühschicht und der Skipper meinte er würde die ersten Stunden fahren und wir können schlafen.

Meine Schicht sollte am nächsten morgen um 10h beginnen.

Um 8h wurde ich vom Skipper geweckt mit den Worten – ich soll rauf und Alex abwechseln.

Ich war sauer – warum haben wir gestern alles besprochen? Noch dazu stellte sich heraus, dass Dagmar schon wach war und ihn noch extra gefragt hatte ob sie sich wieder hinlegen kann weil eh Alex fährt. Tatsache war unser Skipper ist nicht wie ausgemacht die ersten Stunden gefahren und zusetzlich wollte Alex  gar nicht abgelöst werden. Wiedermal war die Willkür des Skippers gegenüber uns Frauen zu spüren, denn Stefan durfte natürlich weiter schlafen. Und diese Situation war sehr symptomatisch für alles was an Board passiert ist und nur eines der täglichen Beispiele wie es zu massiven Spannungen kam.

Aber wir waren dem Ziel so nahe und wir mussten durchhalten, also blieb ich ruhig und machte wie so oft auf dieser Abenteuerfahrt das Beste aus der Situation.

Nach 100 Kilometern Kanalfahrt erreichten wir Kiel – endlich- wir waren den Tränen nahe – wir haben es geschafft. Doch die Shantyleute waren mittlerweile alle in Heiligenhafen wo wir nicht hinsegeln konnten da der Skipper nicht wollte und auch das Wetter angeblich nicht gut war.

Also auf zur letzten Etappe – mit dem Bus nach Heiligenhafen zum Shantytreffen.

Um 22h kamen wir dort an und wurden freudig in Empfang genommen. Sie fragten nach dem Skipper – doch der war natürlich nicht mitgekommen und so feierten wir mit den Shantychören noch eine Stunde – denn dann war das Fest hier aus. Aber immerhin eine Stunde konnten wir genießen- was eine Woche lang unser Ziel war das uns angetrieben hatte.

Bei der Abfahrt aus Kiel fiel auch einiges von mir ab – ich hatte das Gefühl nicht mehr funktionieren zu müssen. Ich durfte wieder ich sein. Die Erlebnisse und der letzte Abend mit den Leuten der Pegasus und Heiko und Conny die das Sponsoring für die Noah machen – alles war so Intensiv und stark, die Emotionen so tiefgehend.

Jetzt sitze ich in Wien und der Boden schwankt nach wie vor unter mir. So viele Gedanken und Gefühle in mir die sich erst setzen müssen.

Meine Kleidung ist mittlerweile gewaschen und stinkt nicht mehr nach dem Diesel der Noah und dennoch wenn ich die Augen schließe sehe ich uns an Board stehen und Taue zu Schnecken legen, lachen und gemeinsam weinen. Hier im Alltag ist es schwer sich wieder zu recht zu finden– wo ist die nächste Boje die uns den Weg zeigt- wo ist der nächste sichere Hafen?

Wie geht es mit der Noah weiter? Wenn ich an unsere Erlebnisse denke fließen die Tränen. Das Schiff hat uns in seinen magischen Bann gezogen. Unser Emotionsschiff für das wir bereit sind – jetzt erst recht! Noch vieles muss repariert werden und gemacht werden, aber ich habe das Gefühl wir mussten an Board sein damit hier ein neues Band geschmiedet werden kann das der Noah helfen kann. Ich habe das Gefühl vor lauter Enden von Fäden zu stehen mit Menschen die die Noah lieben und unsere Aufgabe ist es diese Fäden zu einem Netz zu verweben.

Dagmar, Stefan, Alex, David und ich haben die Noah lieben gelernt und ich sage hier Danke an jeden einzelnen von euch – wir waren eine super Crew und das Schicksal hat es gewollt, dass wir diese Erfahrungen gemeinsam machen und für unsere Ziele gekämpft haben ohne aufzugeben auch unter den widrigsten Bedingungen –  als Symbol für die Noah!plakat

Was lernen wir daraus:

-Oft ist der Sozialfall an Board der Stress macht nicht ein Junge aus dem Krisenzentrum

-Fahre nie mit einem Skipper über das Meer den du nicht vorher schon kennengelernt hast

-Nimm genügend wetterdichte Kleidung mit, denn die Nordsee ist auch im Sommer kalt

-Ziele sind erreichbar wenn man zusammenhält und die Probleme und Hindernisse gemeinsam bewältigt

-Auf See wird alles was man bis dato kennt außer Kraft gesetzt

Danke an Ägir der uns nicht verschlungen hat, danke an Njörd für eine wundervolle See und Wind als wir ihn dringend brauchten, Ran du hast mir deine dunkelste Seite gezeigt und ich bin froh dir nicht in die Hände gefallen zu sein.

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